Vergessenes Brauchtum und Feste

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Das Brauchtum in Beinwil wird dank lebhafter und solider Unterstützung durch die ansässigen Dorfvereine noch weitgehend gepflegt. So finden die 01.-August-Feiern zu Ehren unseres Heimatlandes, aber auch das kirchliche Brauchtum an Ostern und Weihnachten sowie die Fasnacht noch reges Interesse innerhalb der Bevölkerung. Die ganz grossen Darbietungen mit fast schauspielerischen und artistischen Leistungen haben zwar – dem Zeitgeist entsprechend – einer ruhigeren Betrachtung und dem allgemeinen Bedürfnis nach vermehrter Gemütlichkeit Platz gemacht. So leben landesväterliche Ansprachen zum Nationalfeiertag oder hell erleuchtete Turnerpyramiden nur noch in der Erinnerung weiter. Bei den Streichen in der Nacht zum 01. Mai handelte es sich vielfach eher um Schabernack oder um "anonyme Vergeltung", als um seriöse Brautwerbung der Burschen zum Auftakt des Wonnemonats Mai. Erzählt sei aber an dieser Stelle von drei typischen Ortsbräuchen, die nicht mehr begangen werden und langsam in Vergessenheit geraten:


Schnepfenfest
Nach der Überlieferung soll im Jahre 1635 ein böser "Pestzug" in unserer Gemeinde gewütet haben. Die Bewohner gelobten, alljährlich ein Fest mit Amt und Predigt zu feiern, sollte die Pest aufhören. Anderntags fand man beim Vorzeichen der Kirche eine tote Schnepfe, die Pest war vorüber. Seither fand das Fest jeweils am ersten Donnerstag nach Allerseelen statt. Man muss sich allerdings sehr sehr lange an das letzte Schnepfenfest zurückerinnern.


Fasnachtsfeuer
Früher sammelten die jungen Burschen in Wiggwil an den schulfreien Tagen – Fasnachtsmontag und
–dienstag – Stauden für ein Fasnachtsfeuer. An der alten Fasnacht wurde das Holz auf eine Anhöfe gebracht und zu einem mächtigen Stoss aufgeschichtet. Abends um halb neun Uhr wurde das Feuer entfacht. Damit sollte der Winter vertrieben werden. Viel Volk versammelte sich um das Feuer. Das Fanal (Feuerzeichen) war weit ins Zürichgebiet sichtbar. Dort wurden die Höhenfeuer an Mittefasten entzündet (Anspielung an die Reformationskriege).


Karwochenmetten
Bei den kirchlichen Handlungen in der Karwoche pflegte man früher einen längst vergessenen Brauch. Im Chorraum wurde ein mehrarmiger Kerzenleuchter aufgestellt. Die oberste weisse Kerze versinnbildlichte den Heiland; die andern zwölf braunen Kerzen stellten die Apostel dar. Während der Mette, dem Singen der Klagelieder, wurden die Kerzen nacheinander ausgelöscht, bis nur noch die mittlere, weisse brannte. Damit sollte dargestellt werden, dass die zwölf Apostel ihren Herrn verlassen haben. In der Kirche wurde es dunkel. Endlich wurde auch die letzte Kerze weggetragen und der Heiland stieg ins Grab. Die Altardiener und die Kirchgänger schwangen ihre speziellen Rafeln. Der laute, unheimliche Lärm bedeutete, dass jetzt auf Erden die höllischen Mächte ihre Herrschaft angetreten haben. Die Handrafeln wurden von Zuhause mitgebracht und waren auf etwa 80 Zentimeter langen Stäben befestigt. Im Glockenstuhl installierte man eine sehr grosse Rafel. Diese hatte von Aschermittwoch bis zum Karsamstag als Kirchengeläut zu ersetzen.

Huwyler-Frei Erhard, Gemeindeschreiber
1987 / 1999 / 09.2006